Hauptdarsteller im eigenen Leben

Joe hat Stress. Er hat sich mehrmals beim nächtlichen Sprühen erwischen lassen und hat jetzt ein Verfahren wegen Sachbeschädigung am Hals. Seine Mutter und sein Stiefvater fallen aus allen Wolken, als ein Brief vom Gericht eintrifft. Joe möchte mit ihnen darüber reden – gemeinsam mit einem Kumpel sucht er das Gespräch. Die Reaktion: lautstarke Ablehnung und Hausarrest. Zu einem Gespräch kommt es nicht. Szenenwechsel. Joe, inzwischen auf Bewährung verurteilt, ist auf der Straße unterwegs und trifft einen Freund. Der versucht ihn aufzuheitern. Er überredet ihn, für seine Crew bei einem Rap-Battle anzutreten. Während des Battles beleidigt ihn sein Gegner derart heftig, dass Joe abbrechen muss. Danach bekommt er den Zorn seiner enttäuschten Unterstützer zu spüren. Er hat das Gefühl, sein Gesicht verloren zu haben. Damit kann er nur schwer umgehen. Als sein Battle-Gegner vorbeikommt tickt er aus und schlägt ihn zusammen. Joe landet wegen Körperverletzung im Jugendstrafvollzug.

Es sind Geschichten wie diese, die die Teilnehmer im Juni 2006 in den Werkstattprozess der Produktion „40° Fieber“ einbringen. Sie selbst sitzen in der Jugendanstalt Raßnitz, aus den unterschiedlichsten Gründen. Bei der Suche nach Geschichten für die Inszenierung müssen sie nicht von sich selbst erzählen; im Mittelpunkt stehen Joe und seine Erlebnisse vor der Inhaftierung. Auf diese Weise entsteht eine Geschichte, die eine gemeinsame Geschichte der Gruppe ist. Aufgeführt wird das Stück vor anderen Gefangenen und vor einem Publikum von „draußen“. Es handelt von Joes Stress in der Familie und mit Gleichaltrigen sowie von Situationen, in denen die Kommunikation aufhört und die Gewalt beginnt. Die Handlung von „40° Fieber“ soll eine Diskussion darüber anregen, wie es auch anders hätte laufen können. Gemeinsam mit dem Publikum werden Veränderungsmöglichkeiten durchgespielt.

Seit vier Jahren arbeiten Katrin Wolf & Till Baumann für den Verein „Miteinander – Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt e.V.“ im sachsen-anhaltinischen Jugendstrafvollzug. Die Herangehensweise nennt sich TheaterDialog. TheaterDialog bedeutet, keine vorgegebenen Theaterstücke zu spielen, sondern Alltagserfahrungen gemeinsam zu inszenieren, dabei in der Spannung zwischen Alltagsrealität und Vision zu arbeiten und persönliche und gesellschaftliche Veränderungen im Schonraum Theater proben zu können. Über die Theaterarbeit können die Teilnehmenden in ihrem Selbstwertgefühl und ihrer persönlichen Entwicklung gestärkt werden. Mit den Mitteln des Theaters ist es möglich, einen anderen Fokus auf den Lebensalltag zu richten, die eigene Rolle und das eigene Leben neu zu betrachten und auf spielerische Weise auf die Suche nach Handlungsalternativen für scheinbar festgefahrene Problemsituationen zu gehen und diese auszuprobieren. Für die jungen Gefangenen ist es ein Spiel mit den eigenen Grenzen und mit deren Überschreitung, das Mut machen und Kraft geben kann, sich gemeinsam mit anderen auf die Suche nach Alternativen und Veränderungsmöglichkeiten zu begeben. Katrin Wolf & Till Baumann arbeiten im Jugendstrafvollzug mit Versatzstücken aus Forumtheater und Improvisationstheater, greifen Erfahrungen aus der britischen und brasilianischen Gefängnistheaterpraxis auf und entscheiden von Produktion zu Produktion über künstlerische Schwerpunktsetzungen und Kooperationen.

Neuauflage 2007:
Kurzdokumentation TheaterDialog im Vollzug

Sie benötigen den Acrobat Reader, der kostenlos heruntergeladen werden kann:

 

zurück